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Verunsichert
durch zum Teil reißerische Veröffentlichungen zum Thema Cholesterin
(u.a. W. Hartenbach: "Die Cholesterin-Lüge", U. Pollmer:
"Lexikon der populären Ernährungsirrtümer" oder
J. Blech: "Die Krankheitserfinder") wandte sich das langjährige
IGL-Mitglied Dr. rer. nat. Friedhelm Richter aus Mülheim/Ruhr an
das IGL-Präsidium mit der Bitte um sachliche Kommentierung dieses
medizinischen Dauerbrenners. Weisen doch immerhin rund 70 Prozent aller
Erwachsenen hierzulande erhöhte Cholesterinwerte auf. Im Folgenden
finden Sie daher die Darlegungen des wissenschaftlichen Beirats der IGL
abgedruckt, vertreten durch Prof. Dr. med. Georg Neumann, Sportmediziner
aus Leipzig & Dr. med. Rudolf Ziegler aus Heppenheim, Anästhesist,
Sportmediziner & Ehrenvorsitzender des Deutschen Verbandes langlaufender
Ärzte & Apotheker e.V.
Das biochemische
1 x 1
Zunächst einmal
handelt es sich bei Cholesterin aus biochemischer Sicht um ein komplex
aufgebautes Fettmolekül (Steran-Gerüst), das ohne Frage für
jeden von uns lebensnotwendig ist. Daher haben wir Menschen in den zurückliegenden
Jahrmillionen unserer Entwicklungsgeschichte auch gelernt, Cholesterin
in der Leber je nach Bedarf selbst herzustellen, um es von da aus allen
Organen zur Verfügung zu stellen. Konkret wird Cholesterin dabei
benötigt
- für die Bildung
von sogenannten Gallensäuren, die wir im Dünndarm als Emulgatoren
und damit zur Fettverdauung benötigen(ca. 95 Prozent des im Körper
insgesamt vorhandenen Cholesterins werden hierfür verwendet),
als wichtiger Membran-Bestandteil von jeder Zelle und allen Zellbestandteilen
wie Mitochondrien oder Zellkern etc.,
für die körpereigene Synthese diverser Hormone der Nebennierenrinde
und der weiblichen und männlichen Keimdrüsen,
für die Produktion von Vitamin D-Vorstufen.
Für die bedarfsgerechte
Cholesterin-Versorgung benötigen wir dabei eigentlich keine Zufuhr
über unsere tägliche Ernährung. Sehr cholesterinreich sind
bekanntlich vor allem Milch, Milchprodukte wie Butter, Käse, Sahne
und dann natürlich Fleisch, Wurst sowie Eier, weniger Meeresfrüchte
und Fische.
Cholesterin - zunächst
einmal ein Transportproblem
Cholesterin ist wie
alle Fette wasserunlöslich. Da wir Menschen aber überwiegend
aus Wasser bestehen, benötigen wir jetzt spezielle Transporter (=
spezielle Eiweiß-Moleküle) zum Cholesterin-Transport zwischen
den verschiedenen Organen und Körperregionen. Unter medizinischen
Laien sind jetzt vor allem LDL und HDL bekannt. Je nach Beladungsgrad
(LDL enthält viel Cholesterin im Molekül, HDL dagegen nur wenig)
wird jetzt im Laienjargon vom schlechten (LDL) und vom guten Cholesterin
(HDL) gesprochen, obwohl dies medizinisch-biochemisch nicht exakt ist.
Denn als lebenswichtigem körpereigenem Produkt kann man unserem Cholesterin
natürlich kein krankmachendes Potential unterstellen, von 2 ganz
wichtigen Ausnahmen abgesehen:
Von Geburt an hat die Leber (als zentrales Stoffwechsel- und Regulator-Organ
auch für den Cholesterin-Stoffwechsel) keine Vorrichtung, überschüssiges
Cholesterin in die Leberzellen wieder aufzunehmen (bedingt durch sogenannten
Rezeptor-Mangel). Die von dieser Krankheit betroffenen Menschen weisen
generell massiv erhöhte Cholesterinwerte von über 400 mg % auf
und sind daher auf eine konsequente Therapie angewiesen und zwar von Geburt
an. Hier macht es auch Sinn, die Cholesterin-Zufuhr über die Nahrung
im Grunde zu verbieten. Sonst sterben die Betroffenen bereits in jungen
Jahren an Herzinfarkt oder Schlaganfall, bedingt durch schwerwiegende
Gefäßwand-Veränderungen (= Arteriosklerose).
Schwerwiegend und lang anhaltend gestörter Zucker- und Fettstoffwechsel
im Gefolge von chronischem Bewegungsmangel in Verbindung mit Fehl- bzw.
Über-Ernährung. Unsere Gene haben sich nun einmal seit der Jungsteinzeit
vor ca. 20 000 Jahren nicht mehr groß verändert. Wir Menschen
der Moderne sind genetisch sozusagen steinalt. Also sind wir nach wie
vor konstruiert als Bewegungsriese. Unsere Muskulatur als gewichtsmäßig
größtes Organ benötigt eigentlich täglich (!) 4 Stunden
Bewegung, was nur noch Leistungssportler bewerkstelligen. Bei unseren
Ernährungsgewohnheiten verstoßen wir ebenfalls massiv gegen
unsere Gene. Denn mittlerweile hat sich unser Kohlenhydrat-Konsum verdoppelt
und die Eiweißaufnahme halbiert. Der Fettkonsum ist bezogen auf
Kilokalorien zwar etwa gleich geblieben, allerdings hat sich die Fettqualität
drastisch verschlechtert. Die logische Konsequenz:
- Hohes Angebot an
gesättigten, also ungesunden Fettsäuren (auch zu viel konsumierter
Zucker wird in Fettsäuren umgewandelt), die unsere körpereigene
Cholesterin-Biosynthese ankurbeln,
- Abfall der HDL-Produktion
durch das hohe Zuckerangebot
- Unterversorgung
mit sogenannten anti-oxidativen Schutzfaktoren (spezielle Vitamine wie
Vit. C, Vitamin E, ß-Carotin, bestimmte Pflanzenfarbstoffe etc.)
sowie nicht trainierte anti-oxidative Systeme durch chronischen Sportmangel.
- Meist kommen bei
dieser Lebensweise noch weitere schwerwiegende Herz-Kreislauf-Risikofaktoren
hinzu wie Rauchen, Übergewicht, Blut-Hochdruck, Alkohol-Missbrauch
sowie erhöhte Homocystein-Spiegel im Blut dazu. Zwangsläufig
führt diese ungünstige Konstellation im Zucker- und Fettstoffwechsel
zu erhöhten LDL-Spiegeln und erhöhten Triglyzerid-Spiegeln
im Blut, bei gleichzeitig erniedrigtem HDL-Spiegel (< 40 mg%). Die
biochemische Erklärung für dieses gesundheitliche Alarmsignal
in unserem Körper ist ganz einfach: Unsere Leber wird von gesättigten
Fettsäuren aus der betont tierischen Kost überschwemmt. Hinzu
kommt die bereits oben erwähnte Kohlenhydratmast, was zusätzlich
Fettsäuren produziert. Diese hoch-kalorischen Energieträger
werden jetzt aber wegen chronischer körperlicher Inaktivität
in unserer Muskulatur als eigentlich gewichtsmäßig größtem
Organ nicht umgesetzt. Zwangsläufig wird so unsere Leber gezwungen,
dieses Überangebot an Fettsäuren in Cholesterin umzuwandeln
und als LDL wieder ins Blut abzugeben. Mehr oder weniger schnell ist
jetzt sowohl ihr als auch der Bedarf anderer Organe an Cholesterin gedeckt.
Entsprechend zieht sie wie auch die anderen Organe mit Cholesterin-Bedarf
Ihre Cholesterin-Rezeptoren zurück und das LDL-Cholesterin zirkuliert
ungenutzt im Blut (bei steigender LDL-Konzentration).
So wird Cholesterin
zum gesundheitlichen Problem
Wird jetzt LDL-Cholesterin
durch sogenannte Radikale (= hochreaktive Verbindungen, die generell in
jeder Zelle beim Umsatz von Sauerstoff entstehen, aber auch über
die Außenwelt, also über Nikotin, Ozon, Abgase, UV-Licht etc.
in den Körper gelangen), chemisch verändert (oxidiert), kann
dieses oxidierte Cholesterin nicht mehr über die normalen Cholesterin-Rezeptoren
erkannt werden, die zudem aus den beschriebenen Ursachen sowieso nur noch
zahlenmäßig reduziert vorhanden sind. Oxidationsprozesse generell
sind übrigens mittlerweile identifiziert als die entscheidenden Faktoren
für alle Alterungsprozesse in unserem Organismus. Oxidiertes Cholesterin
wird jetzt über "Schleichwege" gerade auch in die Gefäßwand
eingelagert und führt dort als "unnützer Fremdkörper"
zu Entzündungsprozessen. Diese biochemische Besonderheit ist der
erste und entscheidende Schritt in die gefürchtete Gefäßverkalkung
(Arteriosklerose). Das Ausmaß und die Dynamik dieses entzündlichen
Prozesses hängt jetzt einerseits von der Höhe der LDL-Konzentration
und andererseits von dem Quantum und der Qualität der über die
Ernährung zugeführten Antioxidanzien sowie der vom Körper
selbst gebildeten anti-oxidativen Systeme im Blut und in der Gefäßwand
ab. Zusätzlich negativ potenzierend wirken natürlich weitere
Stressfaktoren im Körper, d.h. Vorhandensein von erhöhtem Blutdruck,
chronischem Übergewicht (senkt generell die HDL-Konzentration im
Blut !), von Nikotin-Abusus etc.
Das muss jeder
Cholesterin-Interessierte wissen !
- Jegliche Cholesterin-bezogene
Risiko-Klassifizierung macht erst Sinn bei getrennter Bestimmung von
LDL- und HDL-Konzentration im Blut, in Ergänzung zu Gesamtcholesterin
und Triglyzerid-Konzentration.
- Die Frage der Gefährlichkeit
von entgleisten LDL- und Triglyzerid-Konzentrationen im Blut kann und
darf immer nur unter Zugrundelegung der gesundheitlichen Gesamtsituation
des Einzelfalls perspektivisch beurteilt werden. Und hier macht es sich
die deutsche Ärzteschaft in der Tat in vielen Fällen entschieden
zu einfach. Anstatt gemeinsam mit dem Betroffenen ein individuell zugeschnittenes
Ernährungs- und Bewegungskonzept zu erarbeiten, das in der Tat
Zeit, Mühe, Vorbildfunktion und Engagement verlangt, wird fahrlässig
einfach der Rezeptblock gezückt und ein medikamentöser Cholesterin-Senker
(= Cholesterinsynthese-Hemmer) verordnet. Beim nicht Herzkranken mit
einer nur gering erhöhten LDL-Konzentration ohne weitere Risikofaktoren
ist das Problem einfach angegegessen und durch körperliche Passivität
akzentuiert. Hier sind auf keinen Fall Cholesterin-Senker angezeigt,
sondern faserstoffreiche Kost, d.h. täglich 5 Portionen Obst, Gemüse
und Salat und zusätzlich Haferkleie sowie Oliven und Olivenöl.
So wird nicht nur die Cholesterin-Zufuhr gezielt gesenkt sondern gleichzeitig
auch direkt in der Leber die körpereigene Cholesterinbildung herunter-
gefahren. Genauso wichtig sind aber auch klare Vorgaben bezüglich
der Reduzierung einer pro-entzündlichen Stimmung in unserem Körper.
Und das bedeutet knallhart eine gezielte Einschränkung unseres
Getreideverzehrs mit seinem hohen Gehalt an pro-entzündlichen Omega-6-Fettsäuren
, zumal wir ja heute bei unserer Versorgung mit Fleisch, Zuchtfisch,
Milch, Milchprodukten und Eiern meist aus Mastbetrieben bereits mit
pro-entzündlich wirkenden Omega-6-Fettsäuren abgefüllt
werden, was ohne Frage als gesundheitlicher Skandal zu werten ist. Man
vergegenwärtige sich: Genetisch gewünscht und sinnvoll ist
ein Verhältnis von pro-entzündlichen Omega-6-Fettsäuren
zu anti-entzündlich wirkenden Omega-3-Fettsäuren wie 2 -3
: 1. Unsere übliche deutsche Hausmannskost beschert uns allerdings
Tag für Tag ein Verhältnis von sage und schreibe 25 : 1 zugunsten
von Omega-6-Fettsäuren. Noch Fragen ?
- Die sogenannten
Cholesterinsynthese-Hemmer (CSE-Hemmer) wirken ebenfalls gezielt anti-entzündlich,
wie die moderne Forschung mittlerweile herausgefunden hat. Wobei es
allerdings Präparate-bezogen unterschiedliche Wirksamkeiten gibt.
Entsprechend ist die CSE-Hemmer-Gabe bei einem Patienten mit hohem Schlaganfall-
oder Herzinfarkt-Risiko nicht nur sinnvoll, sondern sogar lebensnotwendig.
Es käme geradezu einem ärztlichen Kunstfehler gleich, das
Präparat hier nicht zu geben. Und zwar sollte der LDL-Wert im Blut
bis unter 100 mg% absinken, um bei dem bereits schwer Kranken nicht
noch weiteres Unheil anzurichten. Natürlich ist es unerlässlich,
diesen Patienten von Arzt/Ärztin-Seite auch bzgl. Ernährung
und Sport neu einzustellen, Dazu gehört mittlerweile gemäß
neuester Forschungsergebnisse auch die hochdosierte Gabe von Omega-3-Fettsäuren
und zwar im Grammbereich pro Tag, um so die in der Gefäßwand
ja nach wie vor schwelende Entzündungsproblematik auch von dieser
Seite her gezielt anzugehen. Bei Hochrisiko-Patienten wird daher auch
z.B. über die Bestimmung des sogenannten C-reaktiven Proteins,
eines aussagekräftigen Entzündungsparameters, das aktuelle
Ausmaß des Gefäßrisikos quantifiziert. Dieser Parameter
hat übrigens sogar in der Routine-Diagnostik mittlerweile Einzug
gehalten.
Jetzt das Cholesterin-Risiko
schwarz auf weiß !
Abschließend
noch ein paar Statistiken für, die unsere Ausführungen gut untermauern
dürften: Wird bei erhöhtem LDL im Blut zusätzlich noch
geraucht, so kann sich das Risiko, in den kommenden 10 Jahren einen Herzinfarkt
zu erleiden, immerhin verdreifachen, wenn jetzt nicht umgehend und gerade
im Sinne der Lebensstil-Änderung gegengesteuert wird. Liegt zusätzlich
ein erhöhter Blutdruck vor, so verdoppelt sich immerhin das Herzinfarkt-Risiko.
Bestehen alle 3 Risikofaktoren parallel, so kann sich das Herz-Kreislauf-Risiko
sogar verzehnfachen. Je nach individuellem Risikoprofil werden daher von
den entsprechenden medizinischen Fachgesellschaften mittlerweile unterschiedliche
LDL-Zielwerte zur Verhütung eines erhöhten Krankheits- oder
Todes-Risikos vorgeschlagen. So sollte die LDL-Konzentration im Blut bei
einem Dreifach-Risiko, wie eben beschrieben, auf unter 100 mg% abgesenkt
werden, was übrigens auch für einen Patienten mit bereits erlittenem
Herzinfarkt gilt.
Die planlose Gabe von CSE-Hemmern darf allerdings nie und nimmer mit überlegt
praktizierter Präventivmedizin gleichgesetzt werden. Allerdings scheut
die Pharmaindustrie weder Kosten noch Mühen, uns Ärzten diese
Medikamentengruppe als Allheilmittel gegen Herzinfarkt und Schlaganfall
zu verkaufen. Nicht von ungefähr boomt der Absatz. So wurden im Jahre
2002 allein in Deutschland für 1.3 Milliarden Euro (Apothekenabgabe-Preis)
CSE-Hemmer verkauft. Viel effektiver, weil wirklich gesünder und
auch billiger, wäre es natürlich, jedem einzelnen Patienten
zunächst das Gesamt-Risiko-Szenario schonungslos vor Augen zu führen
und klar zu machen, dass pure medikamentöse Cholesterinsenkung ohne
Lebensstil-Veränderung keineswegs ein Mehr an Gesundheit oder gar
eine Lebensverlängerung bedeuten muss. Sind doch auch wir Menschen
der Moderne der Macht unserer Gene nach wie vor verpflichtet. Entsprechend
gilt es, jedem Stoffwechsel-entgleisten Patienten und/oder Couch-Potato
schonungslos ins Stammbuch zu schreiben: Iss bewusst ("man ist, was
man isst") und beweg Dich regelmäßig, sonst kann die High-Tech-Medizin
bei Dir vielleicht das Leben verlängern, aber mit erhaltener Lebensqualität
hat das oftmals herzlich wenig zu tun !
Prof. Dr. med. Georg Neumann, Leipzig
Dr. med. Rudolf Ziegler, Heppenheim
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