Die Interessengemeinschaft der Langstreckenläufer e.V.
 

 

 

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"Erst wenn ich laufe, bin ich frei ....."
Die Wirkung von Ausdauersport auf die Psyche der Frau

 

Von Dr. med. Holger Finkernagel

Natürlich gibt es ganz traurige Fälle - jene, die hochgradig depressiv sind, jene, die als psychiatrische Patientinnen in die Behandlung von spezialisierten Ärzten gehören, die Medikamente einnehmen müssen.
Von diesen wollen wir hier nicht reden, obgleich sie als Randgruppe des Laufsports auch davon zehren könnten, vielleicht sogar entscheidende Vorteile hätten, gegenüber denen, die in ihrer Krankheit verharren müssen. Aber wer nimmt sich diesen an, wer hat die Zeit, wer will da weiter helfen, wo die Medikamente nicht alleine wirken, wo Engagement gefragt ist?
Die moderne Gesellschaft trägt in sich die Kraft der Veränderung, die Kraft, bestehende Strukturen aufzubrechen, dort etwas zu bewegen, wo Stillstand eingetreten ist. Aber sie erwartet auch das Engagement des Einzelnen und wo das fehlt, tritt Stillstand ein.

Nicht die Depression soll es sein, über die wir sprechen wollen, sondern die Verstimmung, die Traurigkeit, die Missmutigkeit, ein alltägliches Problem?

"Es regt mich jedes Mal auf, wenn....", "Wenn ich den schon sehe, könnte ich in die Luft gehen...", "Davon bekomme ich Migräne..", "das schaffe ich nicht, das will ich nicht, das darf man mir nicht an tun...". Nicht täglich aber immer öfter begegnen mir junge, vitale Frauen, die verzweifelt sind, die unzufrieden sind, die nicht mehr wollen... was auch immer.
Sie sind erschöpft, mutlos, perspektivlos, schon geschieden, alleine erziehend, ohne körperliche oder seelische Zuwendung. Sie schauen sich nicht mehr an, und wenn schon, dann mit Abscheu, bin zu dick, bin zu dünn, Nase zu lang, Haare zu schütter, Beine zu dick, Busen zu klein, zu groß....... Die Beziehung kaputt, den Rest der Familie längst vergrault, zu stolz um einzugestehen, auch einmal Fehler zu machen. Am Arbeitsplatz überfordert, die Freundinnen viel zu weit weg, sich hübsch machen - es ist schon lange her...

Zu helfen habe ich versprochen, als ich die vermeintliche Berufung in einen Beruf umsetzte. Hippokrates hat mir einen Eid abverlangt und jetzt soll ich ihn umsetzen:

Leid von meinen Mitmenschen nehmen, Schaden abwenden, dafür sorgen, dass sie sich wohl fühlen, nicht krank sind - jetzt sitzt wieder eine unglückliche Frau vor mir.

Ist ihr unglücklich sein gleich Depression oder nur die Unfähigkeit mit einer Situation angemessen umzugehen, haben sie es verlernt, auf sich aufzupassen, sich als wertvoll zu erleben?
Und dann geht es wieder los mit dem Herzstolpern, das Angst macht, das noch nie beim Arzt ein krankes EKG zeigte. "Warum soll ich da noch hin, der findet eh´ nichts, und dass ich zu dick bin und rauche, das weiß ich auch, dass ich mich mehr bewegen soll, das braucht er mir nicht zu sagen....."
"Somatisierungsstörung ist für mich etwas Fremdartiges, was ich nicht haben kann, nie bekomme, ich habe es doch nicht an der Klatsche..... Ich habe die Beschwerden seit dem Streit, seit klar war, dass die Ehe kaputt ist, keine Gefühle mehr im Spiel sind, nur noch für die Kinder bleiben wir beisammen."
"Da muss doch was sein, wenn das Herz verrückt spielt, da muss doch was zu finden sein, das kommt doch nicht von selbst, das macht mir Angst, ich erlebe es als bedrohlich."

Seit mehreren Jahren hat sie nun schon alle paar Wochen das Gefühl, als sei der Puls extrem hoch, Ohrgeräusche treten mitunter auf, schweißgebadet wacht sie auf, dann auch noch der Harndrang, das ist doch alles nicht normal. Und ein besonders kluger Arzt riet zum Herzkatheter, ein burschikoser sprach vom Herzkasper. Ein Belastungs-EKG war normal und selbst über Nacht zeichnete das 24 stunden EKG keine Veränderungen im EKG auf, die das erklärten, was sie bedrückt, traurig macht, was sie depressiv wirken lässt. Jetzt erlebt sie sich als nutzlos, unwert, krank, nicht verstanden, traurig, antriebslos und erschöpft.

Nicht alleine Herzsymptome quälen traurige Frauen, nein auch Magenschmerzen, Blasenbeschwerden, Darmverkrampfungen, Hauterscheinungen bis hin zu Muskelbeschwerden und mir ist keine Frau bekannt, die keine psychosomatisch schwierige Vergangenheit hinter sich hat und an der neudeutschen Diagnose der Fibromyalgie leidet.

Häufig werden die somatoformen Symptome von Depression und Angst begleitet. Eine Diagnosestellung der affektiven Störung oder Angststörung ist dann erforderlich, wenn die psychische Symptomatik sehr deutliche und anhaltend vorliegt.

Die eigentliche Somatisierungsstörung ist im Vergleich zur undifferenzierten Somatisierungsstörung relativ selten, mit 1 % in der Gesamtbevölkerung. Wesentlich häufiger sind dagegen die sogenannten undifferenzierten Somatisierungsstörungen.

Frauen erkranken mehr als doppelt so häufig an einer Somatisierungsstörung wie Männer. Das hat verschiedene Ursachen. Psychosoziale Faktoren gehören ebenso dazu wie hormonelle Gründe. Fest steht: Die Somatisierungsstörung ist keine typisch weibliche Krankheit, aber sie wird bei Frauen wesentlich öfter erkannt.

Liegt das vielleicht auch eher daran, dass Frauen sich mit ihren seelischen Sorgen häufiger und leichter öffnen, Hilfe suchen, sie können ja angeblich auch eher weinen, was erlösend wirken kann.

Der hausärztlichen Behandlung der undifferenzierten Somatisierungsstörung kommt mehr noch als bei den anderen somatoformen Störungen eine Schlüsselstellung zu. Eine vollkommene Beseitigung der Beschwerden ist selten zu erreichen.

Ziel einer hausärztlichen Begleitung bei chronifizierter Somatisierungsstörung ist es, eine bestmögliche Lebensqualität zu erreichen, auch wenn die Symptomatik weiter besteht. Bei langjährig chronifizierter Symptomatik kann eine stützende hausärztliche Begleitung die beste Form der Behandlung sein.

Kaum ist sie aufgestanden, warten die Kinder auf das Frühstück, von 0 auf 100, das ist schneller als ein 12 Zylinder Motor aushält. Dann, auf dem Weg zur Arbeit werden die Kinder am Kindergarten abgegeben, ein Blick auf den Einkaufszettel für den Nachmittag. Pünktlich am Arbeitsplatz klingelt auch schon das Telefon, jetzt noch mal Gas geben, das Adrenalin kitzelt im Bauch, steigt an, setzt Zucker im Blut frei. Wohin mit dem Adrenalin, mit dem Zucker....

Viele Frauen füllen eine Doppelrolle aus, ja eigentlich eine Tripple Rolle: Kinder und Haushalt, Beruf und dann noch der Ehemann, der gerne eine sexy Partnerin möchte, die auch nach langem Tag noch voller Freude zu ihm ins Bett springt.

Das führt zu einer Überforderung, von der die meisten Männer nichts merken, nichts ahnen, darüber hinwegsehen, es verdrängen, nicht damit umgehen können, sich einen Trinken, um es nicht zu sehen.
Frauen reagieren auf eine solche Überforderung keineswegs mit Freudentränen oder einem Glücklichsein, sondern mit Verstimmung und Depression, mit Somatisierungsstörungen.

Und wenn dann auch noch die ausgeprägten Hormonumstellungen zwischen der Pubertät und der Menopause für Unruhe sorgen, dann ist der Griff zu einem Medikament gar nicht fern. Manche Heiler unterstützen das, verordnen auf den Teufel komm raus... haben sie doch keine Zeit in unserem Gesundheitssystem auf die Patientin einzugehen.

Der therapeutische Umgang mit dieser Situation ist in unserer heutigen Gesellschaft gefragt. Der Gang zum Psychiater oder Psychotherapeuten ist immer noch teilweise tabuisiert, man sorgt sich um soziale Inakzeptanz, glaubt die letzten Freundinnen zu verlieren. Man muss es verheimlichen, möglichst nicht den Therapeuten vor Ort wählen. Für die Männer ist dieser Gang zwar noch schwerer, da noch tabuisierter aber auch die Frauen tun sich schwer, über sich und ihre Nöte zu sprechen.

In den Leitlinien für die Behandlung der Somatisierungsstörung werden als Therapeuten die Spezialisten erwähnt, aber dem Hausarzt, der die Familie kennt, den Ehemann, die Eltern, die Kinder, er soll den Schlüssel in der Hand halten, so geschrieben von den Fachgesellschaften, die sich dem Problem annehmen1.

Lange Gespräche mit Patienten und Patientinnen, nicht alleine im ärztlichen Gespräch, sondern auch auf Waldwegen, auf kurzen Strecken und Ultrastrecken öffnen die Gedanken und ermöglichen therapeutische Ansätze.

Wer kennt nicht das Runners-High, das glückliche Duschen nach einem schönen Lauferlebnis. Wer kennt nicht den freien Kopf nach 5 oder 10 Kilometern auf der Hausstrecke.

Das ist Therapie, das habe ich selbst erlebt, in Zeiten, in denen ich glaubte, der Stress frisst mich auf, nimmt mir den Atem, lässt mich an nichts mehr denken, als an die Sorgen und Probleme.

Dann bin ich gelaufen und erlebte die Reinheit der Gedanken, den objektiven Blick auf ein Projekt, mir kamen die besten Ideen beim Laufen.

Was können Frauen mit einer Somatisierungsstörung erwarten, wenn sie sich zum Laufen entschließen?

1. Steigerung ihrer körperlichen Fitness
2. Eine Besserung des körperlichen Wohlbefindens
3. Eine Verminderung von Ängsten, Sorgen um die eigene Gesundheit
4. Steigerung des Selbstbewusstseins
5. Stärkung von Ausgeglichenheit und Gelassenheit
6. Laufen ist der Weg zur Analyse und Lösung von Problemen
7. Erarbeitung eines Gleichgewichts von intellektuellen und emotionalen Kompetenzen.

Im Gegensatz zu einem ausschließlich auf Kraft ausgerichteten Sport wird beim Laufsport anfangs im verhaltenen aeroben Bereich trainiert, vielleicht mit Walking begonnen, später unter Anleitung auf Joggen umgestellt.

So gewinnt man die Erfahrung der Endorphin-Dusche und das Hochgefühl des Sports in seiner besten Ausprägung. Endorphin, verwandt mit dem Morphium, auf das man süchtig wird, kaum dass man es genommen hat.
Eine Ausschüttung des Hormons Endorphin in kleinsten Mengen kann schon allein durch Sonnenstrahlen verursacht werden. Wir alle kennen das Glücksgefühl im Frühjahr, wenn nach einem langen Winter die Tage länger werden und die Sonnenstunden zunehmen. Aber auch ein Lauf bei wunderschönem, klarem Winterwetter kann ein ähnliches Hochgefühl hervorrufen. Hohe Dosen Endorphin sind vom Körper ursprünglich für bedrohende Situationen vorgesehen. Sie lassen den Menschen die Schmerzen vergessen und versetzen ihn in die Lage, sonst geschützte Leistungs-Reserven abzurufen.

So ist allen Läuferinnen der Einstieg in die Lauftherapie am eigenen Leibe zu empfehlen. Nicht nur fachliche Hilfe kann dazu beitragen, dass die Läuferin plötzlich keine Herzbeschwerden mehr hat. Nein, auch durch Suggestion der Zufriedenheit und das Glücksgefühl einem urtümlichen Drang gefolgt zu sein sorgt für eine Besserung der Befindlichkeit.

Aber es ist mit Arbeit und Konsequenz verbunden, wenn man weg will von der Zentrierung auf die eigenen Sorgen und Probleme.
Die Überzeugung dahin kann vom Lauffreund, vom Hausarzt, von der Arbeitskollegin kommen, die ähnliches erfahren hat:

"Erst wenn ich laufe bin ich frei, sind meine Beschwerden weg, mag ich den Nachbarn, die Frau am Zeitungsstand, kann ich Ausstrahlung haben, schaue ich mich wieder gerne an, bin zufrieden mit mir und plötzlich habe ich das Gefühl, Männer schauen mich wieder anders an, bin ich wieder begehrenswert. Darum laufe ich, darum brauche ich das Laufen, daher werde ich nie wieder damit aufhören."

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