Die Interessengemeinschaft der Langstreckenläufer e.V.
 

 

 

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Sportmedizin-Tipps

 

 

 

Leser-Forum: "Getreide und Gesundheit"

 

IGL-Mitglied Gabriele. L. fragt: Man hört immer wieder, eine getreidebetonte Vollwert-Ernährung sei "gar nicht so gesund", u.a. wg. Antibiotika-ähnlichen Schutzfaktoren in den Getreidekorn-Hüllen. Wie ist Ihre Sicht der Dinge hierzu?

Sportarzt Dr. med. R. Ziegler aus Heppenheim antwortet: Richtig ist zunächst einmal, dass wir genetisch nicht auf eine übermäßige Getreidezufuhr ausgerichtet sind. Unsere Erbanlagen sind im wahrsten Sinne des Wortes nun einmal "steinalt", da sie sich in den zurückliegenden ca. 40 000 Jahren kaum geändert haben. Und damals lebten wir Menschen bekanntlich als Jäger und Nomaden. Erst seit etwa 10 000 Jahren wurden wir dann zunehmend sesshaft und lernten als Bauern unter anderem auch Vorräte anzulegen, wozu der Getreideanbau die biologisch-organisatorischen Voraussetzungen schuf. Wenn wir jetzt die Frage nach dem gesundheitlichen Stellenwert von regelmäßigem Getreidekonsum an so harten Fakten wie der durchschnittlichen Lebenserwartung festmachen, schneiden die europäischen Körner-Esser wesentlich schlechter ab als gerade die Asiaten. So hatten Japaner die höchste Lebenserwartung aller Industrie-Nationen, so lange sie sich traditionell ernährten, d.h. konsequent ohne Brot oder Nudeln auskamen, dafür aber reichlich Fischeiweiß und viel Gemüse (Algen, Soja etc.) konsumierten. Entsprechend hatten sie auch kaum Probleme bzgl. Osteoporose, obwohl auch Milch oder Milchprodukte nicht auf dem Speiseplan standen. Wie das nun wieder? Nun Ursache sind der hohe Gehalt an Vitamin K im Gemüse und der hohe Gehalt an Kalzium und fertigem Vitamin D gerade im Fisch. Zum Vergleich: Wir Deutsche sind Weltmeister im Brotessen. So isst statistisch gesehen aktuell jeder Deutsche pro Jahr rund 86 Kilogramm Brot und Brötchen. - Mahlzeit.
Was sind nun gesicherte Faktoren, die medizinisch-präventiv gegen einen regelmäßigen und hohen Getreideverzehr (Vollkorn) sprechen:

  • Speziell pflanzliches Eiweiß aus Roggen, Weizen (hauptsächlicher Bestandteil unseres Brot- und Nudelmehls), Dinkel und Gerste kann bei disponierten Menschen eine schwerwiegende Schädigung der Dünndarm-Schleimhaut durch eine sogenannte Lektin-ähnliche Wirkung auslösen. Lektine sind pflanzliche oder tierische Eiweiße, die mit Zellmembranen der Dünndarmschleimhaut Bindungen eingehen und dadurch deren Funktionen massiv beeinträchtigen können. Alternativ können aber auch Antikörper, die unser Körper gegen das fremde Eiweiß bildet, für den Ausbruch der Erkrankung verantwortlich sein. Je nach Ausmaß der Schädigung registrieren die Betroffenen dann schwere Verdauungsstörungen mit Durchfällen, Bauchschmerzen, Blähungen etc.. Im Kindesalter bezeichnet man diese Erkrankung (meist im Gefolge einer Gluten-Unverträglichkeit, Gluten = Kleber-Eiweiß, das für die Backfähigkeit des Getreides verantwortlich ist) als Zöliakie, beim Erwachsenen als einheimische Sprue. Das Problem beim Erwachsenen: Die Symptome können z.T. derart gering ausgeprägt sein, dass man als Arzt das Krankheitsbild einfach kennen muss, um im Einzelfall differentialdiagnostisch auch daran zu denken.
  • Im Getreide-Eiweiß befinden sich in der Tat bestimmte Proteine, die sogar eine gezielt hemmende Wirkung auf körpereigene Eiweiß-abbauende Enzyme im Dünndarm entfalten können, wodurch die Eiweißverdauung erschwert und zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Minderversorgung bzgl. lebenswichtiger Aminosäuren Anlass geben kann.
  • Vollkorngetreide enthält in seinen Randschichten (= Kleie) reichlich Phytin, eine spezielle Phosphorsäure-Verbindung, die in der Lage ist, Mengenelemente wie Kalzium und Spurenelemente wie Eisen, Zink oder Selen im Dünndarm fest zu binden und dadurch der Aufnahme in den Körper zu entziehen. Strenge Vegetarier sollten daher diese Mineralstoffe regelmäßig kontrollieren lassen. Generell empfiehlt es sich, beim Vollkornbrot Sauerteig zu favorisieren, da der Sauerteig-typische Gäreffekt die im Getreide selbst vorhandene enzymatische Wirkung optimiert und so das Phytin beim "Gehen des Teigs" vermehrt abgebaut wird.
  • Getreide enthält einen hohen Anteil an sogenannten Omega-6-Fettsäuren und nur einen geringen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren. Alle mehrfach ungesättigten Fettsäuren (sogenannte PUF = Poly Unsaturated Fat Acids)werden jetzt im Gegensatz zu den sogenannten gesättigten Fettsäuren (aus tierischen Produkten) nur ganz unwesentlich in den Energiestoffwechsel (Fettverbrennung) eingeschleust. Sie dienen vielmehr als Baustoffe für Zellmembranen und als Vorstufen für hormonähnliche Verbindungen (Prostaglandine, Leukotriene). Sie sind eingebunden u.a. in Schmerzentstehung, Gerinnungsprozesse, Immunabwehr, Herzrhythmus-Stabilität, die Regulation des Cholesterinstoffwechsel und in die Blutdruckregulation. Genetisch vorgesehen ist im Nahrungsangebot ein Verhältnis von 3 - 4 : 1 zugunsten der Omega-6-Fettsäuren. Der deutsche Durchschnittsbürger mit bundesdeutscher Mischkost auf dem Teller kommt aber mittlerweile auf einen Quotienten von bis zu 25 : 1(!!!!!!!). Ursächlich hängt diese dramatische Verschiebung damit zusammen, dass wir zunehmend Lebensmittel aus Mastbetrieben auf dem Teller haben, die als Mastkost eben vor allem Getreide erhielten (Geflügel, Eier, Milch- und Milchprodukte, Zuchtfisch, Rind- & Schweinefleisch). Die Quittung: Eindeutige Zunahme von diffusen Schmerzzuständen ohne organisches Substrat, Herz-Rhythmusstörungen, Thrombosen und Dickdarmkrebs. So ist Deutschland mit 52 000 jährlichen Dickdarmkrebs-Neuerkrankungen europaweit mittlerweile Spitzenreiter, gleichzeitig sind wir aber auch Spitzenreiter beim Konsum von Getreideprodukten.
  • Abschließend daher mein dringender ärztlicher Rat zum differenzierteren Umgang mit dem zum Teil ja sogar ungewollt hohen Getreidekonsums und seiner nicht unproblematischen Inhaltsstoffe. Das heißt konkret: Beim Fleischkonsum eben auf Biofleisch oder Wild ausweichen, möglichst keinen Zuchtfisch verzehren, generell den Fettkonsum bzgl. Milchprodukte und Fleisch senken (dadurch Vermeidung von zu viel gesättigten Fettsäuren und zu viel Omega-6-Fettsäuren) und auch beim Kauf von Brot, Gebäck oder Nudeln an Getreide-Alternativen wie Soja oder Amaranth denken. Gleichzeitig bieten sich Früchte, Beeren, Gemüse, Salat, Molke und Nüsse als wertvolle Kohlenhydratspender an, wobei ja gerade bei Nüssen auch ihr hoher Eiweiß-Anteil, ihr optimaler Gehalt an Omega-3-Fettsäuren und ihre hohe Konzentration an Mineralstoffen (v.a. Kalium & Magnesium) und Spurenelementen wie Kupfer, Mangan oder Molybdän positiv ins Gewicht fallen.

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