Die Interessengemeinschaft der Langstreckenläufer e.V.
 

 

 

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Heinz Helmuth Kohl... boxt sich durch!


Als Heinz Helmuth Kohl vor etwas über einem Jahr an die Startlinie seines ersten Marathonlaufes geht, ist er von den Eindrücken überwältigt: Das Gefühl eine der größten Herausforderungen des Lebens vor sich zu haben; der Anblick von zahllosen "Leidensgenossen", die auf den Startschuss hinfiebern, der klare Himmel, aus dem es endlich nicht mehr regnet und die frische Luft. "All diese Menschen! All die vielen Trainingskilometer der letzten Wochen", so erkennt er "habe ich tatsächlich niemals alleine hinter mich gebracht - einer dieser Sportler war mit Sicherheit immer zeitgleich mit mir auf der Piste!" Vorfreude, Gänsehaut, gleich geht es los...

Ein Marathon ist ein Kraftakt, ein Kampf gegen sich selbst; da muss man sich durchboxen. Kein Problem, denn mit dem Boxen kennt Heinz Helmuth Kohl sich aus. Als 19jähriger wird er von einem Bekannten zum Boxtraining animiert. Er merkt schnell, dass dieser Sport etwas für ihn ist. Viel Training, Ausdauer, Kraft - die ersten acht Kämpfe entscheidet Kohl souverän für sich. Nach nur einem Jahr stellt er sich bei den Rheinlandmeisterschaften im Halbmittelgewicht in den Ring, 1969 wird er Vize-Rheinlandmeister. Auch die Presse wird auf ihn aufmerksam: "Besonders stolz bin ich darüber, dass die Fachzeitschrift Boxsport mir einen Artikel gewidmet hat", berichtet Heinz Helmuth Kohl begeistert. Über 80 Boxkämpfe bestreitet er in der darauf folgenden Zeit. Damals entdeckt er jedoch auch seinen Spaß an einer ganz anderen Sportart - dem Ausdauerlauf. Die Frau seines Cousins ist Läuferin - sie muntert ihn dazu auf, bei einem 10-Kilometer-Trainingslauf mitzumachen. "Ich war zu dieser Zeit bei der Bundeswehr", erinnert sich der gelernte Maurer. "Am Tag davor haben wir irgendeine Party gefeiert und hatten etliche Bierflaschen geleert. Ich wusste gar nicht worauf ich mich einließ und war bei der Zusage wohl noch ordentlich verkatert. Aber kneifen wollte ich ganz bestimmt nicht..." Die Strecke ist für Kohl kein Problem! Nach unter 40 Minuten bleibt die Uhr seines Cousins Heinz, der die Zeit am Streckenrand nimmt, stehen.

Seine Arbeit und die Abenteuerlust kam der sportlichen Karriere von Heinz Helmuth Kohl jedoch in den folgenden Jahren in die Quere: Einige Jahre fährt er als Fernfahrer kreuz und quer durch Europa bis er dann im Alter von 27 Jahren die Straße gegen die Weite des Ozeans, die Räder gegen die Planken unter sich eintauscht - in den folgenden dreizehn Jahren fährt er zur See. Vom Matrosen zum Steuermann und schließlich zum Kapitän bereist Kohl die Meere unter deutscher Flagge. Während er für die Kapitäns-Prüfung büffelt, erkennt er, wie sehr ihm der Sport fehlt: "Ich bemerkte, dass ich ordentlich zugenommen hatte. Zwei Jahre Studium, viel Sitzen, wenig Bewegung - das war nichts für mich!" Also meldet er sich beim Hamburger Boxclub Heros an und beweist den anderen Boxern - die anfangs etwas über seine Pfunde spötteln - schnell, was in ihm steckt: "Die mussten bald feststellen, dass aus dem Brauereipferd ein konditionsstarker Stier mit einer harten Geraden geworden war", lacht er. Als Sparringspartner seines Freundes Harald Six, der zwölf Mal deutscher Amateurmeister und drei Mal Polizei-Europameister war, kann Kohl seine Boxtechnik weiter perfektionieren.

Als Kohl 1986 seine Frau kennen lernt, entschließt er sich, die Seefahrt aufzugeben. Damit hat er endlich wieder genug feste Landmasse unter den Füßen, um regelmäßig die Laufschuhe anzuziehen. Noch im selben Jahr bestreitet er seinen ersten 25km-Lauf in Quickborn. Es folgen zahlreiche Teilnahmen an 10km-Läufen und Halbmarathons. Doch sein größtes Ziel bleibt vorerst noch eine Utopie - der Marathon! Als seine Frau ihm von einer Anzeige in der Zeitung berichtet, nach der bald der Anmeldeschluss zum 18. Hamburg-Marathon sei, entschließt Kohl sich, die Herausforderung anzunehmen. "Zum Glück hatte ich in der condition kurz vorher gelesen, wie man sich auf den Marathon vorbereitet", meint Kohl. Ein Marathon ist ja bekanntlich etwas ganz anderes als zwei Halbmarathons! Und da man nur dann weiß, ob man diese Distanz durchhalten kann, wenn man es eben ausprobiert hat, tastet Kohl sich beim Training vorsichtig vor: " Ab Kilometer 30 habe ich auf den bekannten Mann mit dem Hammer gewartet", erinnert er sich. "Vielleicht sitzt er in den Bäumen dort? Oder hinter der nächsten Kurve? Ganz offensichtlich wollte er mich jedoch nicht besuchen! Aber den musste ich ja auch nicht unbedingt kennen lernen..." Jetzt weiß Kohl, dass er fit ist für seinen Marathon!

Die Stunde der Wahrheit. Das Herz rast und man spürt die Energie der anderen Sportler um sich herum. "Das ist ein Gefühl wie damals - kurz bevor man zu seinem Gegner in den Ring steigt", glaubt Kohl. Endlich fällt der Startschuss. Neben ihm läuft ein Spaßvogel, der einen Kinderwagen vor sich herschiebt; darauf sind Lautsprecher montiert. "Satisfaction" von den Stones läuft, volle Pulle - Mick Jagger gibt alles; die Stimmung ist prächtig! Bei Kilometer 28 kommt Kohl an einer Stelle vorbei, die seine Erinnerungen an Früher wecken: An genau dieser Stelle stand er 18 Jahre zuvor und sah seinen ersten Marathon als Zuschauer. Er erinnert sich, wie er dort steht, die Athleten bewundert. Nun ist er selbst einer von ihnen. "Schon bemerkenswert", staunt er "was sich alles so tut, in einem Leben." Bei Kilometer 38 beflügeln ihn die Anfeuerungen seiner Frau und seiner Töchter - die letzten Kilometer sind ein Klacks. Mit 55 Jahren läuft Heinz Helmuth Kohl seinen ersten Marathon, kurz darauf den zweiten in Köln. Am Ende ist es immer ein Kampf gegen sich selbst, gegen die Uhr, gegen jeden Meter der noch vor einem liegt. Aber kämpfen, das kann Heinz Helmuth Kohl...

M. Reinmuth

 

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