|
IGL-Mitglied
Joachim H. fragt: Ich bin 52-jähriger Krebspatient (Zustand nach
operativer Intervention mit Bestrahlung bei rechtsseitiger Gaumenmandel-Karzinom
mit Lymphknotenmetastasen im Jahre 2005), begeisterter langjähriger
Marathonläufer und Extrem-Bergsteiger mit einigen Trekkingtouren
und Gipfeln bis in Höhen von 4000 - 6.300 m. Neuerliche Tumorzeichen
finden sich bei mir derzeit Gott lob nicht. Die Fragen, die sich bei mir
jetzt natürlich aufdrängen, drehen sich um die Qualität
und Quantität meiner zukünftigen sportlichen Belastbarkeit
bzw. möglichen Risiken, wenn ich weiter leistungsorientiert im Sport
agiere. Die Ratschläge meiner Ärzte tendieren in die Richtung,
Sport nur nach Lust und Laune, ohne Wettkampfcharakter und ohne Austestung
von Leistungsgrenzen zu betreiben. Da anscheinend keiner meiner behandelnden
Ärzte aktiver Sportler oder Läufer ist, sind die Ratschläge
wohl "auf Sicherheit" ausgelegt. Auf meine Frage, ob mein Krebs
(als Nichtraucher und Mäßig-Alkoholgenießer) gerade durch
die Schwächung des Immunsystems beim Laufen oder Höhenbergsteigen
ausgebrochen sein kann, erhielt ich bisher ebenfalls keine Angaben. Da
es mir mittlerweile wieder gut geht, traue ich mir bei aller Vorsicht
schon wieder mehr zu. Es fehlt mir halt der gewohnte und lieb gewonnene
Reiz eines Wettkampfes oder einer Bergbesteigung.
Sportarzt Dr. med.
R. Ziegler aus Heppenheim antwortet: Von den genetisch bedingten Formen
einmal abgesehen, sind Krebsentstehung und Krebswachstum inkl. Metastasierung
(= Absiedlung von Tochtergeschwülsten) immer Ausdruck des Versagens
bzw. der Überforderung unseres Immunsystems. Entsprechend wird Ihnen
kein Arzt der Welt exakt definieren können, welche Portion Sport
hundertprozentig optimal und umgekehrt wie viel Sport auf Dauer
das Immunsystem sicherlich überfordern wird. Es gilt daher bei
Ihnen zunächst einmal grundsätzliche medizinische Ratschläge
abzugeben, um Sie selbst in die Lage zu versetzen, Ihr ganz persönliches
Puzzle zu komplettieren:
1. Limitierung
der Radikalenbildung im Körper, die als hochreaktive Verbindungen
auch die immunkompetenten Zellen schädigen können, was Sie erreichen
über:
- gezielte Stressreduktion
(privat-beruflich, im Straßenverkehr etc.) in Kombination mit
Anti-Stress-Strategien (Yoga, progressive Muskelentspannung nach
Jacobson etc.),
- leistungsorientierter
Sport mit Köpfchen und Verstand, womit wir ein Stück weit
bei der Quadratur des Kreises sind. Denn der Knackpunkt liegt im Detail:
Einerseits entstehen generell Radikale gerade beim aeroben Sport und
nicht zu knapp. Denn bis zu 5 % des pro Zeiteinheit in allen
Zellen im Rahmen der aeroben Energiegewinnung umgesetzten Sauerstoffs
liefern nun einmal diese Radikale als gefürchtetes Zellgift.
Andererseits benötigen wir Menschen ohne Wenn und Aber diese Auseinandersetzung
mit Radikalen, da sie nun einmal gemäß unserer genetischen
Vorgabe als unersetzlicher Synthesereiz für unsere körpereigenen
anti-oxidativen Systeme wirken. Moral von der Geschicht': Die Dosis
macht das Gift. Allerdings ist die Dosis, die individuell "als
Gift" wirkt, von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Daher auch das
Lavieren Ihrer Ärzte bei Ihrer Frage, "wie sportlich weiter?"
2. Gezielte Stärkung
der körpereigenen anti-oxidativen Systeme
- regelmäßiges
Schlafquantum von 7 - 8 Stunden (Wachstumshormon als wichtiger Stimulator
für die Bildung von anti-oxidativen Systeme erreicht im Tiefschlaf
seine höchsten Spiegel)
- Alkoholverzicht
(Nikotinverzicht haben Sie ja angegeben), da Alkohol nun einmal in jeder
Dosis toxisch wirkt,
- Lebensmittel
aus kontrolliert biologischem Anbau plus Beherzigung des sinnvollen
Motto: 3 x O und 1 x G, was die Aufforderung beinhaltet: Täglich
Obst, Omega-3-Fettsäuren und natives Olivenöl
plus täglich Gemüse/Salat zu sich zu nehmen.
3. Konsequentes
Einhaltung des gesundheitlich hochrelevanten Omega-6-Fettsäuren:
Omega-3-Fettsäuren-Verhältnisses von 2:1 (in Deutschland
findet sich derzeit bei einem Großteil
der Bevölkerung ein Verhältnis von 25:1 (!)), was locker erreichbar
ist über:
- Verzicht
auf Lebensmitteln aus Mastbetrieben, Geflügelzucht- und Fischzucht-Anstalten.
Getreide als Mastfutter führt wg. seines hohen Gehalts an
Omega-6-Fettsäuren zu diesem ungesunden Verhältnis,
- Favorisierung
von Wild und fettem Seefisch als tierische Protein- und Mikronährstoff-Quelle
- gezielte Verwendung
von Nüssen, Pseudo-Getreide, Hülsenfrüchten, Pilzen,
Weizenkeimen und Würz-Hefeflocken als wichtige Omega-3-Fettsäuren-Lieferanten
und damit als Getreide-, Müsli- und Nudel-Alternative.
4. Hinterfragte
Supplementierung von körpereigenen Wirkstoffen und Mikronährstoffen,
die eine gezielt krebsschützende Wirkung haben bzw. zumindest
für eine optimierte anti-oxidative Wirkung sowie für
lebenswichtige entzündungsharmonisierende Effekte Sorge tragen, was
gerade bei Ihrer Krankheitsvorgeschichte von großer Bedeutung ist:
langkettige Omega-3-Fettsäuren
- L-Carnitin
- Coenzym Q10
- Taurin
- Glutathion
- Zink
- Selen
- Vitamin B3 (Niacin)
Zusammenfassung: Sollten Sie mittlerweile frei von "Krebsnestern"
sein, wovon man ja bei Ihnen glücklicherweise ausgehen kann, so dürfte
Ihre physisch-psychisch-mentale Belastbarkeit ca. 6 Monate nach der
letzten Bestrahlung das ursprüngliche Niveau wieder erreicht
haben, abgerechnet die natürlichen Alterungsprozesse. Was immer bleiben
wird und nagt, ist das Kopfproblem, das jeden Menschen bedrückt,
der mit einer so lebensbedrohlichen Situation fertig werden musste: Kann
der Krebs wieder ausbrechen etc.??? Andererseits scheinen Sie ja sehr
viel psychische Kraft aus Ihren sportlichen Events und Ihrem Bergsteigen
geschöpft zu haben. Und gerade diese "Psycho-Nahrung" ist
ein unersetzlicher Optimierungsfaktor für Ihr Abwehrsystem
("runner's high"). Insofern bleibt Ihre sportliche Perspektive
ein Stück weit Ihre ganz persönliche Entscheidung zwischen Angst,
zu viel zu tun, auf der einen Seite, aber andererseits auch die Perspektive,
über Ihren regelmäßigen Sport langfristig sowohl definierte
Trainingseffekte für Ihr Immunsystem wie auch Psycho-Power
zu rekrutieren. Ganz wichtig: Es bedarf bei Ihnen umgehend einer
Wiederholung des vor Jahren ja bereits absolvierten laufsportspezifischen
Laktat-Tests, um Ihre aktuelle aerobe Kapazität und Leistungsfähigkeit
genau zu bestimmen. Mit dem Wissen um Ihre aktuelle aerob-anaerobe Schwelle,
festgemacht an den korrespondierenden Pulswerten, können Sie dann
Ihr Marathontraining genau dosieren. Ich würde den Test dann routinemäßig
jeweils im Frühjahr und Herbst wiederholen, um jeweils eine exakte
Justierung möglich zu machen. Die Zahl der jährlichen Marathonläufe
unter Wettkampfbedingungen würde ich auf 2 begrenzen. Legen Sie nie
die letzte Schippe auf, aber genießen Sie beim Laufen oder Bergsteigen
das wunderbare Gefühl, Ihr Leben im Jahre 2005 nochmals geschenkt
bekommen zu haben. An jährlichen Laborkontrollen im Blut
empfehle ich Ihnen v.a.: Selen, Homocystein, Gesamt-Eiweiß, kleines
Blutbild, BSG, TSH, Triglyzeride, HDL, LDL. Details und Empfehlungen hierzu
erfahren Sie sicherlich von Ihrem behandelnden Arzt. Toi, toi, toi, vielleicht
sieht man sich ja mal bei einem Lauf!
[zurück...]
|