IGL-Mitglied
Uschi St. fragt:
Ich habe gehört,
dass je nach Zubereitungsart das so genannte Phytat in der
Außenhülle
des Vollkorngetreides in der Lage ist, die Aufnahme von
Magnesium und Kalzium im Darm zu behindern oder gar ganz zu
verhindern. Was ist da dran? Esse ich doch täglich frisch
gemahlenen Vollkornbrei zum Frühstück. Danke
für eine
Antwort.
Sportarzt
Dr. med. Rudolf Ziegler aus Heppenheim antwortet:
Bei Phytat
handelt es sich um einen fixen Bestandteil der Randschichten jedes
Getreidekorns. Chemisch gesehen ist es eine Phosphat-Verbindung
(Myo-Inosit-Hexaphosphat), die beim Korn 2 Aufgaben zu
erfüllen hat:
-
Zum
einen liefert das Phytat zusätzlich zum
Stärkekörper durch Abspaltung der zum
Molekül gehörenden energiereichen
Phosphatmoleküle die notwendige Energie,
die ein Getreidekorn nun einmal braucht, bis es die obersten Boden- und
Erdschichten durchbrochen hat, wo dann erst per Photosynthese die
selbständige Energiegewinnung für Wachstums- und
Erhaltungsprozesse beginnen kann.
-
Des
Weiteren kommt dem Phytat in der Pflanze eine wichtige Schutzfunktion
zu (u.a. Schutz vor dem Gefressenwerden durch Tiere). Es handelt sich
also auch um ein Fraßgift.
Für
uns Menschen ist der Genuss von Phytat aber prinzipiell unbedenklich
und ungefährlich. Allerdings sollte unbedingt Folgendes
beachtet
werden, speziell von
der großen Schar
der überzeugten Müsli- und Frischkornbrei-Esser:
-
Die
Phytat-spezifische Molekülstruktur bringt es automatisch mit
sich, dass im Darm zweiwertige
Mikronährstoffe wie Eisen, Zink, Kalzium, Magnesium, Jod,
Selen, Kupfer, Mangan etc. fixiert werden und sich damit der Resorption
entziehen. Mit der logischen Konsequenz, dass die solcher Art
gebundenen Lebensmittelbestandteile unverdaut wieder ausgeschieden
werden. Entsprechend kann eine einseitige Betonung von
Körnerkost einen Mangel an wichtigen Mineralstoffen und
essentiellen Spurenelementen provozieren, natürlich ungewollt,
weil ja der Gesundheitsbewusste primär überzeugt ist,
sich etwas ganz Tolles anzutun . . . . . . .
-
Entsprechend
hierzu
mein
Ernährungstipp: Allenfalls einmal
täglich und alternativ Frischkornbrei, Vollkornflocken,
Vollkorn-Nudeln, Vollkornbrot etc. zu sich nehmen. Prinzipiell
verspricht das Einweichen
des Frischkornbreis über Nacht (feuchte Wärme) hier
Abhilfe, da es so zu einer effektiven
Aktivierung des Enzyms Phytase kommt, das zudem im Getreidekorn
selbst vorhanden ist. Medizinisch-ärztlich
zu warnen ist
vor dem Stehen lassen des Frischkornbreis bei Zimmertemperatur
über Nacht, speziell in den Sommermonaten, da so die Gefahr
einer explosionsartigen Keimvermehrung heraufbeschworen wird, mit allen
erdenklichen negativen Konsequenzen. Ich rate daher mittlerweile
insgesamt vom Frischkornbrei ab, allenfalls ein gelegentlicher Verzehr
ist okay, optimale Alternativen mit ärztlichem Segen
wären hier Weizenkeime und Soja-Crisp.
-
Bei
Vollkornbroten
entscheidet ausschließlich
die Verarbeitung
darüber, ob sich
der Phytatgehalt negativ auf die Nährstoffversorgung auswirken
kann oder
nicht. Denn nur feuchte Wärme, wie schon erwähnt, in
Verbindung mit einer sich langsam entwickelnden Säuerung des
Brotteigs vermag in idealer Weise die bereits erwähnte Phytase
gezielt zu aktivieren. Wichtig: Erst nach neun Stunden sind in einem
Sauerteig mehr als 90 Prozent des Phytats abgebaut. In ungesäuerten Broten
erfolgt dagegen quasi kein Phytatabbau.
-
Aufgepasst:
Kunstsauer, eine Mixtur aus Säuren,
Mineralsalzen und Enzymen, wie sie vor allem in den
Großbäckereien zum Einsatz kommt, liefert zwar viel
Säure,
was ohne Zweifel die Teigreife beschleunigt. Entsprechend kann ein
solchermaßen vorbehandeltes Brot dann bereits nach drei bis vier Stunden gebacken werden. Der Nachteil dabei: Vom ursprünglich
vorhandenen Phytat
sind bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal die Hälfte
abgebaut.
Logische Konsequenz für den bewussten und selbstbewussten
Verbraucher: Beim Kauf von Sauerteig-Vollkornbrot immer bzgl. der
„Gehzeit“ des Sauerteigs nachfragen. Sonst kann’s eben gerade
bei eingefleischten Vollkornbrot-Essern zu mehr oder weniger
ausgeprägten Mikronährstoff-Defiziten kommen.
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Die
Zutatenliste
auf verpacktem Brot gibt indirekt Auskunft:
Säuerungsmittel und Citronensäure weisen auf
beschleunigte Teigführung hin.
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Hefeteig
braucht Zeit: Nehmen Sie daher halb so viel Hefe, wie angegeben, und
lassen Sie dann den Teig doppelt so lange gehen, wie in den
gängigen Rezepten angegeben.
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Sollten
Ihnen Vollkornbrote schwer im Magen liegen, greifen Sie alternativ
besser nach naturgesäuertem Roggenmischbrot.
Die
Moral von der Geschicht’: „Wissen ist
Macht, Unwissenheit kann krank machen!“
Ihr
Dr. Ziegler
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