IGL-Mitglied
Stephan B. fragt: Nachdem ich beim Laufen immer
wieder
Schmerzen in beiden Schienbeinen bekomme, habe ich nun einen Arzt
aufgesucht. Die Schmerzen treten immer wieder so nach ca. 3 km auf.
Der Schmerz wird dann immer stärker, klingt aber schnell
wieder
ab, wenn ich anhalte. Die Diagnose meines Arztes lautet
„Kompartment-Syndrom“: Die „Kammern
zwischen den
Schienbeinknochen“ seien zu eng. Laut Aussage nicht zu
behandeln.
Zwei Tipps wurden mir angeboten: Erstens, mir Fersenkeile in die
Laufschuhe zu legen, um den Fersenbereich zu erhöhen oder
meinen
Laufstil zu ändern hin zum Vorfußlaufen. Was
können
Sie mir raten, herzlichen Dank vorab für Ihre
Bemühungen?
Sportarzt
Dr. med. R. Ziegler aus
Heppenheim antwortet: Vorab zunächst der
Hinweis, dass
ich von einer anderen Diagnose ausgehe. Daher gilt es bei Ihnen
zunächst zu differenzieren, wo genau an den Schienbeinen der
Schmerz auftritt. Ist es an der inneren oder mehr an der
äußeren
Schienbeinkante. Das Ihrerseits geschilderte Beschwerdebild
interpretiere ich als so genanntes Shin splint-Syndrom,
was so
viel heißt wie Beschwerden entlang des Schienbeins.
Als
wahrscheinliche Ursachen müssen hinterfragt werden, wobei man
bei Ihnen generell eine primäre Krankheitsursache an
umschriebener Stelle ausschließen kann, da die Schmerzen ja
symmetrisch an beiden Schienbeinen auftreten:
-
Da in
der Laufsprechstunde oftmals anzutreffen, gehe ich auch bei Ihnen von Überlastungsproblemen
im Sehnen-Ansatzbereich des Musculus tibialis anterior
(Schmerz ist an der äußeren Schienbeinkante
lokalisiert) oder des Musculus tibialis posterior (Schmerz ist an der
inneren Schienbeinkante lokalisiert), was dann zunehmend mit der Gefahr
einer Knochenhaut-Reizung an beschriebener Stelle verbunden ist/sein
kann. Ursächlich verantwortlich ist dabei meist eine entsprechend
disponierende Fußstatik, d.h. also v.a.
Senk-Knick-Füße, die nicht selten in Kombination mit
einem so genannten Vorfuß-Varus einhergehen. Der Vorfuß-Varus
ist gekennzeichnet durch eine genetisch fixierte
Tendenz zum übermäßigen Abrollen
über die Außenkante des Fußes, also zur
Übersupination mit nachfolgend
überschießender Rotationsproblematik, die sich bei
gleichzeitig vorhandenen Senk- oder Senk-Knickfüßen
noch verstärkt. Und die reaktiv und automatisch gegensteuernde
Schienbeinmuskulatur jault auf. Die Tatsache, dass Sie Beschwerden nur
beim Laufen haben, ist logisch, da eben nur durch die lauftypisch
entstehende Flugphase (beide
Füße sind für Sekundenbruchteile ohne
Bodenberührung) das Vorfuß-Varusproblem funktionell
zum Tragen kommt.
-
Einen so
genannten Ermüdungsbruch im Verlauf des Schienbeins
(Stressfraktur) schließe ich aus, da ja nun einmal die
Beschwerden von Anfang an symmetrisch an beiden Schienbeinen auftraten,
wenn ich Sie richtig verstanden habe.
Was
bietet sich zur gezielten Abhilfe an:
-
Umgehendes
und unbedingtes Vornehmen einer videogestützten
Laufanalyse unter Einbeziehung Ihrer aktuell getragenen
Laufschuhen, am besten bei einem orthopädischen
Schuhmachermeister mit Lauferfahrung, der damit nicht nur
sieht, sondern auch versteht zu handeln bzgl. evtl. notwendigem Schuhumbau
und richtiger Einlagenversorgung. Zur Analytik
immer Ihre ältesten sowie die neuesten Laufschuhe mitbringen,
was die Interpretation Ihrer individuellen Fußstatik
erleichtert. Gerade bei evtl. vorhandenem
Vorfuß-Varus ist das gezielte Gegensteuern mittels
„lateralem Vorfußpolster“ an Ihren
Einlagen essentiell und damit zielführend.
-
Auf
jeden Fall abraten muss ich bei Ihnen von
Fersenkeilen. Besteht doch hier die Gefahr von
Instabilitäten im Fersenbereich, von ungewollten
Verkürzungstendenzen der Achillessehne und die Disposition zum
Umknicken beim Fersenaufprall in der Landephase, wenn Sie
Fersenläufer sind.
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Die
Mär vom ach so gesunden Vorfußlaufen, wie
es von verschiedener Seite gepredigt wurde, ist durch eine
aktuelle Studie der Universität Würzburg widerlegt.
Jeder Mensch hat seinen eigenen Laufstil bezüglich der
Aufprall- und Abrollphase in die Wiege gelegt bekommen bzw. wurde durch
Sprinttraining in früher Jugend in Richtung
Vorfußlaufen determiniert. Entsprechend sollte man auf jeden
Fall dabei bleiben und nicht mit aller Gewalt umlernen wollen. Viel
wichtiger ist der evtl. notwendige Support durch
individuell zugeschnittene Schuhwahl, ggf. kombiniert mit Schuhumbau
und gezielter Einlagenversorgung.
Toi,
toi, toi, auf dass ich bei Ihnen das richtige Näschen gehabt
haben möge!
Ihr
Dr. Ziegler
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