Die Interessengemeinschaft der Langstreckenläufer e.V.
 

 

 

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Jahreshauptversammlung 2004 in Herford

 

Laudatio des IGL Ehrenvorsitzenden Gusthelm Schläbitz anlässlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft an Prof. Dr. Gerhard Uhlenbruck

„Es gibt ehrenvolle Lobreden, die einen salben wie bei der letzten Ölung.“ Diesen Aphorismus entnahm ich einem kleinen Buch, in dem ich sehr gern lese. Der Autor, den wir heute ehren wollen, ist eine international anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Immunologie/Immunchemie. Seine wissenschaftlichen Publikationen sind zahlreich. Seine Forschungsergebnisse vermögen nur hochspezialisierte Kollegen zu würdigen, denn wer vermag sich unter Lektinen etwas vorzustellen, selbst wenn hinzugefügt wird, dass es sich dabei um immunologische Erkennungsmoleküle handelt. Fachkreise sprechen von Lectinology, den von uns zu Ehrenden haben sie den Titel „Father of Lectinology“ verliehen, zu deutsch etwa Vater der Lektinologie. Daraus lässt sich schließen, dass er auf diesem Gebiet die biochemische Forschung wesentlich vorangebracht hat.

Verleihung der Ehrenmitgliedschaft an Prof. Gerhard Uhlenbruck (l.)

Bei allem Respekt vor seinen wissenschaftlichen Leistungen: Wir wollen hier und jetzt einen der Unseren ehren, einen gestandenen Langstreckenläufer, der zwar laufend auf den Gedanken kam, dass Sport vor allem Ausdauersport, mit unserem Immunsystem in enger Beziehung steht, und der bei all´ seinen Arbeiten den Aspekt der Ausdauer nie außer acht ließ, wodurch seine Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Sportimmunologie richtungsweisend wurden.

Ich spreche hier und jetzt über Prof. Dr. med. Gerhard Uhlenbruck, dessen sportliche Meriten ich allerdings zu nennen mich verpflichtet fühle:

1984 - Deutscher Meister der langlaufenden Ärzte und Apotheker in der AK 50
über die Marathondistanz.
1994 - Deutscher Meister der radfahrenden Ärzte und Apotheker in der AK 60
sowohl im Zeitfahren, als auch im Straßenrennen.
In der M 70 war er zweimal Finisher beim Kölnmarathon.

Uns von der IGL ist er in bester Erinnerung durch seine Vorträge, bei denen er demonstrierte, dass die Vermittlung von komplexem Fachwissen kurzweilig und unterhaltend sein kann, was auch seine Studenten und Mitarbeiter zu schätzen wussten, wie Prof. Josef Beuth einmal schrieb. Gerd Uhlenbruck selbst meinte dazu, dass ein Erfolgsmensch den Lacherfolg mit einplane. Kein Zweifel: Gerhard Uhlenbruck ist ein Erfolgsmensch. Wenn dieser Terminus für den einen oder anderen einen nicht gerade angenehmen Beigeschmack hat, weil er dabei an die sprichwörtlichen Ellenbogen denkt, so bedeutet dem gegenüber das Uhlenbrucksche „Erfolg haben“, den Menschen zu respektieren und ihm zu helfen, wenn der es denn zulässt. Vielleicht ist hier ein Zitat von Karl Jaspers hilfreich, der Gerd Uhlenbruck seinen „Aphoristischen Sticheleien“ mit dem bezeichnenden Titel „Nächstenhiebe“ voranschickte:
„Nicht der Mensch als Daseinsexemplar, sondern der Mensch als mögliche Existenz ist liebenswert.“
Hier möchte ich nun den Vorsitzenden des Verbandes der langlaufenden Ärzte und Apotheker, Prof. Dr. Kothe, zu Wort kommen lassen. Er schrieb zum 75. Geburtstag seines Kollegen:
„Wer ihn kennt, freut sich nicht nur über einen allzeit gut aufgelegten Menschen, sondern erkennt auch dahinter den romantischen Melancholiker mit einer etwas resignativen Lebensweisheit, einen optimistischen Pessimisten, der hofft, dass das Gegenteil von dem, was man befürchtet, eintritt.“

Unser langjähriges IGL-Mitglied ist Wissenschaftler, Langstreckenläufer und beliebter Kamerad. Aber er ist auch ein Philosoph, der sich als solcher nicht durch abstrakte Denkmodelle, sondern durch seine Aphorismen zu erkennen gibt. Nicht zuletzt deshalb nenntman ihn „doctor humoris causa“. Und genau dem und dem Philosophen gilt meine Zuneigung. Ich hoffe, meine Zuhörer werden mein Empfinden nachempfinden können, wenn ich sie zu einem kurzen Streifzug durch die Uhlenbruckschen Aphorismen einlade. Der Autor definiert sie als „Gedankensprünge in einem Satz“ oder auch als „der langen Rede kurzer Sinn“. Unter seinen Aphorismen finden sich Lebensweisheiten und Lebensregeln:

Was man aus seinem Leben macht, macht das Leben aus.
Man meistert das Leben, wenn man zeitlebens Lehrling bleibt.
Das Unheil in der Welt kommt nicht zuletzt durch diejenigen, welche mit Gewalt eine heile Welt wollen.
Um die Menschen nicht hassen zu müssen, sucht man nach ihren kleinen liebenswerten Fehlern.
Ein Mensch wird erwachsen, die Menschheit nie.
Der kategorische Konjunktiv: Was wäre, wenn der kategorische Imperativ sich durchsetzen würde?

Anmerkungen zum Beruf, zur Karriere, zum Erfolg:

Zum Beruf: Er war immer konform, das hat ihn so deformiert.
Die Arbeit sollte einem nicht über den Kopf wachsen, sondern der Kopf sollte einem über der Arbeit wachsen.
Es gibt nicht nur den Therapeuten als Beruf, sondern auch den Beruf als Therapie.
Zur Karriere: Vom fertiggemachten Mann zum gemachten Mann, der andere fertigmacht.
Höchste Eisenbahn, dass man zum Zuge kommt.
Wenn die Karrierekurve charakteristisch nach oben geht, gibt es charakterlich einen Knick nach unten.
Ein Mann ohne feste Stellungnahme ist meist ein Mann in einer festen Stellung.

Zum Sport: Läufer sind Krankenscheinheilige, sie benutzen ihn fast nie.
Sport gibt dem Leben Form und Format, formuliert aber nicht den Inhalt des Lebens.
Weil er nicht schnell genug war, machte man ihn zur Schnecke.

Lieber Gerd,
aus Deinen Aphorismen spricht manchmal Besorgnis, Skepsis, Bissigkeit, sogar Bitterkeit. Es führt einen aber doch zu dem Schluss, dass Dir das Wohl der Menschen, und über Deine Forschung der Menschheit, am Herzen liegt. Deshalb möchte ich mit einem kurzen Gedicht von Fred Endrikat schließen, bei dessen Versen ich denke, Du könntest damit gemeint sein:

„Ein Menschenfreund zu sein ist nicht so schwer,
wenn Blick und Urteil rein und ungetrübt.
Ein wahrer Menschenfreund ist aber der,
der Menschen kennt – und sie doch trotzdem liebt.“

In der Hoffnung, dass diese Ehrung nicht so salbungsvoll wurde, dass sie Dich zur letzten Ölung treiben könnte, halte ich jetzt die Klappe!

Zitate entnommen aus:

DENKANSSTÖSSE OHNE KOPFZERBRECHEN
Mentale Medizin gegen miese Mentalität
Ralf Reglin Verlag, Köln

APHORISMEN
sind Gedankensprünge in einem Satz
Ott Verlag Thun

NÄCHSTENHIEBE
Aphoristische Sticheleien
Verlag Josef Stippak, Aachen

 

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