Die Interessengemeinschaft der Langstreckenläufer e.V.
 

 

 

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Und ewig läuft das Weib

 

1968 war ein turbulentes Jahr: das Mehrwertsteuersystem in Deutschland wurde durch die Umsatzsteuer ersetzt, Intel und Universität Dortmund wurden gegründet, Robert Kennedy und Martin Luther King wurden ermordet, die Baader-Meinhof-Gruppe beging in Frankfurt einen Kaufhaus-Brandanschlag, ein Tornado fegte über Baden-Württemberg, der 1. FC Nürnberg wurde Deutscher Fußballmeister - und in Bräunlingen, im idyllischen Schwarzwald, gab es weltweit erstmals eine Frauenwertung beim Marathon.

Es war das erste Mal überhaupt, dass dieser Marathon stattfand und die Veranstalter, allen voran Initiator Roland Mall, riskierten mit diesem Unternehmen viel, denn eine Frauenwertung war weder im nationalen noch im internationalen Regelwerk vorgesehen. Wäre es bei einer seiner Starterinnen zu gesundheitlichen Schäden gekommen, wären ihm ein Strafverfahren und womöglich auch eine folgenschwere Zivilklage sicher gewesen. So wurde u.a. das Zeitlimit großzügig bemessen. Die erste Marathonsiegerin in der neuzeitlichen Laufgeschichte hieß M. v.d. Berge und kam aus Münster in Westfalen nach Süddeutschland.

Erst gut ein Jahr zuvor war es beim Boston-Marathon zum Eklat gekommen, weil Kathrine Switzer als K. V. Switzer mit eigener Startnummer 261 am Start war und man von Veranstalterseite versuchte, sie mit Gewalt aus dem laufenden Rennen zu nehmen, als man bemerkte, daß K.V. mitnichten männlichen Geschlechts war. Der Versuch misslang, Kathrine Switzer erreichte das Ziel - allerdings irgendwo unter "ferner liefen" in der Männerwertung. Aber immerhin, mag man sagen. Im konservativen Boston sollte es jedenfalls noch sechs Jahre dauern, bis es eine offizielle Frauenwertung gab.

Wie viel aufgeschlossener und visionärer Roland Mall war, kann man vielleicht ermessen, wenn man sich vor Augen hält, dass in der Condition von 1971, also geschlagene drei Jahre später, Arthur Lambert (in den 30er Jahren Deutscher Reichs-Trainer für Mittel- und Langstreckenlauf und in den 60er Jahren Mitbegründer der IGÄL/heute IGL) eine Lanze für Frauen im Langstreckenlauf brach und damit eigentlich eher Distanzen bis maximal 10 km meinte. Frauenwertungen sollte es dafür aber erst mal nicht geben. ManN solle die Frauen einfach mitlaufen lassen. Zur selben Zeit trainierte Dr. Ernst van Aaken schon Marathonläuferinnen, in seinem Heimatort Waldniel lief 1967 Anni Pede 3:07:21 h. Van der Berge brauchte beim 1. Schwarzwaldmarathon ein Jahr später übrigens 4:19:57 h.

Heute ist der Boston-Marathon, wie wohl alle Stadtmarathons, dem Schwarzwaldmarathon in Sachen Frauenquote weit enteilt. 2006 liefen in Boston 38,72% Frauen, in Berlin und Hamburg zum Beispiel liegt der Frauenanteil bei rund 19%. In Bräunlingen zählte man in den letzten Jahren immer zwischen 13 und 14% Frauen, was im Bereich des Üblichen bei deutschen Landschaftsmarathons liegt. Beim Frauenmarathonstart vor 38 Jahren standen immerhin auch schon 7,24% Frauen am Start. Die Zeit war also offensichtlich mehr als reif und wir können und müssen Mall sicher heute noch dankbar sein für seinen Mut und dafür, dass er die Zeichen der Zeit nicht verschlafen hat.

In diesem Jahr findet der Schwarzwaldmarathon am 08. Oktober zum 39. Mal statt - und natürlich wieder mit eigener Frauenwertung!

Gabi Leidner

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