Die Interessengemeinschaft der Langstreckenläufer e.V.
 

 

 

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Liane Winter - Das sportliche Allroundtalent wurde 60


Wer kennt sie nicht? Liane Winter, die Laufpionierin. Ein Allroundtalent mit einer enormen Bandbreite: 1962 war sie bei den Deutschen Hallen-Meisterschaften in Dortmund vierte über 800 m. 26 Jahre später (1988) wurde sie vierte bei den Deutschen Meisterschaften über 100 km. Eine erstaunliche Wandlung! Alle ihre sportlichen Leistungen hier aufzuführen wäre müßig, denn dazu würde der Platz nicht reichen. Einige Episoden aus Liane Winters sportlichem Werdegang sollen hier jedoch stellvertretend für ihr Leben mit dem Sport dargestellt werden.

Die sportliche Karriere von Liane Winter begann Mitte der 50er Jahre als aktive Handballspielerin bei der Eintracht Wetzlar. Liane Winter erinnert sich: "Da hatten wir mal im Rahmen des innerdeutschen Sportverkehrs den SC Einheit Dresden zu Gast. Als die uns mit 0:19 vom Platz fegten (zu der Zeit spielten wir noch auf dem Großfeld), war ich derart schockiert, dass meine sportliche Karriere beinahe zu Ende war, noch ehe sie begann." So schnell warf Liane Winter die Flinte jedoch nicht ins Korn - das Gegenteil war der Fall.

Ab 1959 nämlich verlagerte sich ihr sportliches Interesse zur Leichtathletik, wo sie bei Jugend-Bezirksmeisterschaften in den Disziplinen Kugelstoßen, Diskuswerfen, Speerwerfen und Fünfkampf antrat. Während dieser Zeit kam sie durch den Wetzlaer Marathonläufer Otto Dittrich dann auch zum Langstreckenlauf. "Wir sind gemeinsam abends durch die Straßen von Dorf zu Dorf gelaufen, immer frech mitten auf der Fahrbahn, Autos waren selten", erzählt das langjährige IGL-Mitglied. Mit einem Schmunzeln erinnert sich Liane Winter an die damalige Mode: "Damals trug man noch keine Sportbekleidung außerhalb der Turnhalle. Wenn ich an mein "Outfit" denke! An den Füßen derbe Schuhe mit ,Specksohle', die sackige Baumwollhose mit einem Gürtel befestigt, einen abgeschnittenen Nylonmantel als Wetterschutz sowie ein Kopftuch. Anoraks gab's damals nur Marke ,Wandervogel dreißiger Jahre' - drei Kilo schwer. Kein Mensch hätte mich verdächtigt, Langstrecken zu laufen; ich ging garantiert als heimkehrende Bäuerin vom Feld durch", lacht die Wolfsburgerin.

Liane Winter, die sich als Erlebnisläuferin sieht, hat in den 60er Jahren sowohl im Training als auch im Wettkampf hauptsächlich Waldläufe bestritten. Während andere in der Bahnsaison festen Boden unter den Füßen hatten, zog sie es vor, auf weichem Waldboden zu laufen. Ab 1963 errang sie in ihrer Heimatstadt bei den Deutschen Meisterschaften dann viermal hintereinander den Titel der Mannschafts-Meisterin im Waldlauf. Mit zu ihrer Mannschaft gehörten damals so bekannte Mittelstrecklerinnen wie Christa Luczak und Christa Merten, die beide leider nicht mehr leben. Wie sehr Liane Winter die Läufe in der Landschaft liegen, zeigen auch die sieben Siege des "Hermannslauf" im Teutoburger Wald. Von ihren 50 Marathons, von denen sie keinen aufgegeben hat, waren allein acht Schwarzwald-Marathons.

1974 hörte sie vom 1. Internationalen Marathonlauf für Frauen in Schwalmtal-Waldniel, der vom Mitbegründer unserer IGL, Dr. Ernst van Aaken, ins Leben gerufen worden war, und an dem sie unbedingt teilnehmen wollte. Doch zunächst stand im Februar 1974 noch der Winter-Marathon in Husum auf dem Programm. Doch da taten sich für Liane Winter Hindernisse auf, die sie kaum für möglich gehalten hätte: "Der Hausarzt verweigerte mir für die Starterlaubnis das notwendige Attest, mein Puls sei zu langsam! Beim Arzt am Start war ich so aufgeregt, dass mein unterer Blutdruckwert 110 zeigte. Ich durfte trotzdem starten und habe den Marathon ohne Probleme in 3:11 Stunden geschafft. Am Start waren 150 Männer, 15 Frauen (vorwiegend Däninnen). Mit dabei waren die unverwüstlichen Regina Schiek (3:26 Std.) und Eva-Maria Westphal (3:48 Std.)", erinnert sich Liane Winter.

Nachdem Liane Winter zur Vorbereitung auf den 1. Internationalen Marathonlauf für Frauen noch an einem Volksmarathon in 2:57 Stunden und an verschiedenen Läufen teilgenommen hatte, kam im September 1974 endlich das große Welttreffen in Waldniel. Liane Winter erzählt: "Bereits am Vorabend waren mir diverse Pressevertreter auf den Fersen, weil Ernst van Aaken ihnen versichert hatte, ich würde morgen gewinnen. Das war mir vielleicht peinlich! Ich gewann tatsächlich in Europa-Bestzeit von 2:50:31 Stunden. Ich glaube, dass mich Ernst van Aaken schon vor dem Lauf längst im Visier hatte; der hatte wohl überall seine Spione."

Dann trumpfte Liane Winter beim 79. Boston-Marathon 1975 groß auf. Sie wurde Siegerin in der Weltrekordzeit von 2:42:24 Stunden. Der damalige IGL-Beauftragte für internationale Angelegenheiten, Willi Haman, schrieb in der condition über den Boston-Marathon: "Diese Reise wird für alle Teilnehmer ein unvergessliches Erlebnis bleiben. Ein verschworenes, sportliches und kameradschaftliches Häuflein von 26 Teilnehmern, einen angenehmen Hin- und Rückflug, tolles Wetter, 200-Jahr-Feier-Boston mit farbenprächtigem Umzug und viel, viel Musik, acht deutsche Läufer unter den ersten 200 im Ziel und die Krone: Der Sieg von Liane Winter aus Wolfsburg. Ich habe unsere Liane mit neuer Weltbestzeit von 2:42:24 Stunden unter ohrenbetäubendem Lärm, Händeklatschen von begeisterten Zuschauern ins Ziel einlaufen sehen - und das war mein schönstes Boston-Erlebnis."
Mit den Sportfreunden aus Boston hat Liane Winter immer noch guten Kontakt. So wurde sie 1996 zum 100. Boston-Marathon eingeladen und im Jahr 2000 zum Jubiläum ihres Weltrekords vor 25 Jahren.

Neben zahllosen Landes- und Seniorenmeisterschaften hat Liane Winter auch an etlichen Premieren teilgenommen. So startete sie 1978 auf dem Nürburgring und nahm 1979 - gemeinsam mit ihren Sportkameradinnen Gerlinde Püttmann und Anna Eilkenbach - am 1. Frauen-Marathon in der Japanischen Hauptstadt Tokio teil. 1978 startete sie bei den XI. Weltbestenkämpfen der IGÄL in Berlin und war dort mit Abstand die schnellste Frau im Marathonlauf. Für diese Leistung wurde sie beim großen Kameradschaftstreff in Nistertal/Westerwald mit dem "Goldenen Laufschuh" ausgezeichnet. 1981 siegte Liane Winter in Orsoy bei den Deutschen Marathon-Meisterschaften in der Mannschaftswertung (Winter, Miehe, Nowicki). Als Vierzigjährige erreichte sie beim Frankfurt-Marathon noch einmal eine Zeit von 2:43:35 Stunden.

Nach dem ersten Gesamt-Berliner Neujahrslauf 1990 durchs Brandenburger Tor (mit Vopo-Stempel) wollte Liane Winter gerne einmal den "langen Rennsteig" laufen; und das möglichst unter sechs Stunden. 1991 war es soweit. Liane Winter: "Zwei Kilometer vor dem Ziel stürzte ich schwer. Der Kiefer renkte sich aus, ich blutete aus der Nase. Zum ersten mal in meinem Läuferleben sah ich im Ziel gar nicht gut aus, worauf ich doch stets so sehr bedacht war. Aber das Wichtigste habe ich dennoch geschafft: Nach 5:57:50 Stunden war ich im Ziel."

Eine besondere Ehre und eine Anerkennung für ihr vorbildhaftes Leben im Zeichen des Sports wurde Liane Winter, die in diesem Jahr ihren 60. Geburtstag feiern konnte, 1986 zuteil: Anlässlich des 4. Internationalen Bremen-Marathons bedankte sich die Laufwelt durch eine Marathonmedaille mit dem Abbild der sympathischen Laufpionierin für ihren unermüdlichen Einsatz für den Ausdauersport.

Georg Reinmuth

 

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